Geld ist Vertrauen…

Helmut Schieber kam nach einer Banklehre und einem anschließenden Jurastudium 1964 als Referendar zur Deutschen Bundesbank. 1985 wurde er Vizepräsident der Landeszentralbank in Baden-Württemberg. Von Juni 1992 bis Mai 2000 war er Mitglied des Direktoriums sowie des Zentralbankrats der Deutschen Bundesbank. Von 2000 bis 2002 war er Präsident der Landeszentralbank in Baden- Württemberg. Das Interview wurde geführt von Frank Augustin, Udo Grün und Siegried Reusch. Es erschien im April 2009 im Journal für Philosophie der blaue reiter: Philosophie im Gespräch II.

Veröffentlichungen (Auswahl): Was ist der Wert des Geldes wert?: Diagnose und Therapie der chronisch gewordenen Geldentwertung. Europäische Verlagsanstalt, Köln/Frankfurt 1977 (mit Heinz Rapp); Die Rolle der Deutschen Bundesbank im Rahmen der Bankenaufsicht. In: Banken und Staat. Institut für Bank- und Finanzwirtschaft, Berlin 1993; Die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank in einer veränderten finanzwirtschaftlichen und währungspolitischen Umgebung. Institut für Wirtschaftspolitik, Hamburg 1993.

Herr Schieber, Geld zu verdienen, es auszugeben oder zu sparen ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir gar nicht mehr danach fragen, was Geld eigentlich ist. Was macht ein Stück Papier oder ein Stück Metall zu Geld? Was ist das Wesen des Geldes? Mit dem Geld ist es ähnlich wie mit der Liebe, der Weisheit oder der Schönheit – je mehr man sich um die Bestimmung solcher Begriffe bemüht, desto problematischer wird die Definition. Natürlich kann man es sich so leicht machen wie die Juristen. Für die ist Geld, was der Staat zu Geld macht, nämlich die gesetzlichen Zahlungsmittel. Das sind in Deutschland die Noten und Münzen in eigener Währung. Aber damit lässt man die ökonomische und soziale Aufgabe und Funktion des Geldes völlig außer Acht, um die es in Wirklichkeit geht, und da beginnen die Ungenauigkeiten. Die klassischen Funktionen des Geldes sind die als Wertmaßstab und Recheneinheit, die Verwendung als Transaktionseinheit sowie als Wertaufbewahrungsmittel. Funktional betrachtet ist Geld alles, was diese Zwecke erfüllt. Es kann durchaus sein, dass gesetzliche Zahlungsmittel ihren Geldcharakter verlieren, zum Beispiel im Fall einer Hyperinflation. Dann können Gegenstände, die gar nicht als Geld gedacht waren, tatsächlich als Geld benutzt werden. Im Nachkriegsdeutschland haben Zigaretten sowohl als Wertmaßstab als auch als Transaktionsmittel gedient. Hier zeigt sich, wie ungenau der Geldbegriff ist. Im Kleinen kann man die seltsamsten Dinge als Geld verwenden. Im Pazifik gibt es Inseln, da wurden riesige Steinräder benutzt. Heute kann man Hotelübernachtungen auch mit Bonusmeilen der Lufthansa bezahlen. Aber was macht man, wenn diese Güter funktional nicht ausreichen? Es hat schon seinen Sinn, dass man moderne Zahlungsmittel ausgibt. Ein großer Vorteil ist dabei die Standardisierung. Gold- und Silbermünzen waren ursprünglich standardisierte materielle Güter. Viele Leute haben ja eine große Affinität zum Gold, weil sie sagen, das ist ein spürbarer, tragbarer, verständlicher Maßstab. Es ist kein Zufall, dass die Währungsbezeichnungen vielfach Gewichtsbezeichnungen waren, die aus der Zeit stammen, als Ware und Geld in einer gewissen Form noch identisch waren. Wie kann Geld einen Wert repräsentieren, der allgemein anerkannt wird? Man kann das eingrenzen mit dem Vertrauensbegriff. Wenn Geld in der Bevölkerung ein hinreichendes Vertrauen findet, wird es nicht nur als Wertmaßstab und als Transaktionsinstrument für Gegenwartsgüter benutzt, sondern dann umfasst es auch einen Zukunftsaspekt. Das heißt, man kann bei der Transaktion auch Gegenwartswerte gegen Zukunftswerte tauschen. Sie verzichten zum Beispiel auf den Kauf eines Anzugs, weil Sie das Geld einsetzen wollen, um ein Jahr später in Urlaub zu fahren. Der Zukunftsaspekt wird am deutlichsten in der Wertaufbewahrung – und als Wertaufbewahrungsmittel dient Geld nur, wenn das Vertrauen in die Stabilität des Geldes vorhanden ist. Wenn zum Beispiel nach der spanischen Eroberung Lateinamerikas oder durch neue Produktionsmethoden mehr Gold auf den Markt kam, sank auch der Wert der Goldwährung, aber niemand hat den Staat dafür verantwortlich gemacht. Mit den freien Währungen, den modernen und gestalteten Währungen, ergibt sich ein neues Phänomen, nämlich die Verantwortung des Staates für die Stabilität des Geldes. Ein wichtiger Bereich der heutigen Diskussion dreht sich um die Frage, welche institutionellen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit der Geldwert stabil gehalten werden kann. Das ist zum Beispiel das Thema der Unabhängigkeit der Zentralbanken und des Verzichts auf politische Beeinflussung, das ja bei der Schaffung des Maastrichter Vertrages und des Euros eine gewaltige Rolle gespielt hat. Im Grunde ist eine unabhängige Zentralbank eine bedenkliche Konstruktion. Doch wenn man die Stabilität des Geldwerts als eine grundlegende politische Aufgabe sieht, hat es schon seinen Sinn, dass zum Beispiel die Bundesbank oder die Europäische Zentralbank, ähnlich der Gerichtsbarkeit, aus dem politischen Tagesgeschäft herausgenommen wird und nicht der Kontrolle der Regierungen untersteht. Insofern ist die Unabhängigkeit der Zentralbank ein institutionelles Element, das Vertrauen schaffen soll, das aber auch die Zentralbanken in die Pflicht nimmt. Sie können es auch umgekehrt formulieren: Der Abstand vom politischen Tagesgeschäft trägt zu einem Ansehensgewinn bei, weil man etwas produziert, das die langfristigen Sicherheitsbedürfnisse der Menschen befriedigt. Aus der Freiheit, zu vereinbaren, was man als Medium des Tausches von Gütern und Dienstleistungen untereinander wählt, folgt zwingend: Die entscheidende Funktion des Geldes ist das Vertrauen – das Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes, heute und in der Zukunft. Wie will die Bundesbank angesichts der außer Kontrolle geratenen internationalen Finanzmärkte in Zukunft dieses Vertrauen gewährleisten? In Ihrem Buch Was ist der Wert des Geldes wert? werfen Sie bereits 1977 die Frage auf, ob die Freiheit des Geld- und Kapitalverkehrs tatsächlich das Risiko, nämlich die Gefährdung ganzer Volkswirtschaften, wert ist. Das was man als Globalisierung bezeichnet, hat die Welt verändert. Geld kann man heute noch schneller und noch billiger transportieren als Güter, fast ohne Kosten. Geld ist ja, zumindest in seinen modernen Formen, nichts anderes als Information. Wenn Sie glauben, Sie könnten in einer Welt, die bestimmt wird von Computern und modernen Kommunikationstechniken, die Geld- und Kapitalflüsse noch kontrollieren, dann sind Sie fürchterlich auf dem Holzweg. Das heißt, die Frage nach der Freiheit des Kapitalverkehrs stellt sich heute gar nicht mehr. Das Geld findet immer Wege über Grenzen hinweg. Deshalb muss man die staatlichen und institutionellen Einrichtungen, zum Beispiel das Wechselkurssystem, die geldpolitischen Instrumente, die Wirtschaftspolitik, so gestalten, dass diese neuen Zustände keinen Schaden anrichten, dass sie nicht zum Angriffspunkt der internationalen Kapitalströme werden. Die Anleger der großen Geldbeträge, die institutionellen Investoren, haben heute die Funktion von Schiedsrichtern. Diese zeigen jemandem, der nicht die richtige Geldpolitik betreibt, zunächst die gelbe Karte; die gelbe Karte steht für höhere Wertschwankungen an den Märkten – das Geld wird erkennbar „nervös“. Und wenn dann nicht reagiert wird, kommt die rote Karte – das ist dann eine Währungskrise. Solche hatten wir zum Beispiel in Südostasien, in Russland oder in Lateinamerika in den Jahren 1997 beziehungsweise 1998 erlebt. Dies zeigt die Notwendigkeit, heute Sensoren zu entwickeln für die richtigen Rahmenbedingungen und für eine richtige Tagespolitik, damit die positiven Konsequenzen des internationalen Geld- und Kapitalverkehrs genutzt werden können. Das ist die Herausforderung der modernen Politik in einem globalisierten Umfeld. Manche Geldtheoretiker glauben freilich, dass Geldwertstabilität nicht das vorrangige Ziel staatlicher Politik sein darf… Aus unserer Sicht ist Stabilität ein ganz zentrales politisches Ziel. Natürlich kann man eine ökonomische Theorie entwickeln, nach der sich Geld möglichst schnell umschlagen soll. Das war die Idee von Silvio Gesell. Geld soll demzufolge möglichst nie in einer Hand verweilen, sondern permanent im Umlauf sein. Das ist aber nicht unsere Vorstellung von Geld. Geld ist ein Maßstab. Und wenn sich der Maßstab verändert, verändern sich die wirtschaftlichen Entscheidungen. Wenn die Stabilität verloren geht, verliert das Geld seine Funktion, Güter materiell vergleichbar zu machen. Wenn der Maßstab des Geldes nicht mehr stimmt, dann kann nicht mehr vernünftig kalkuliert werden, weder im Bereich der Zukunftsplanung der Menschen noch in Unternehmen. Wenn man ein bisschen Inflation hat, besteht immer die Gefahr, dass sich das entwickelt wie bei der Schwangerschaft: Ein bisschen schwanger gibt es auch nicht. Ein bisschen Inflation droht in stärkere Inflation, in nicht kontrollierbare Veränderungen des Geldwerts umzuschlagen. Wenn Sie bewusst oder unbewusst Geld entwerten, zwingen Sie die Menschen dazu, für ihre Zukunftsplanung auf etwas anderes zu vertrauen als Geld, und dann übernimmt irgendein anderes Medium – ich habe vorhin schon die Zigaretten angesprochen – oder irgendein anderes Gut diese Funktion. Die Leute werden dann zum Beispiel Gold horten oder werden versuchen, in Grundstücke oder Aktien zu investieren und treiben damit in diesen Märkten die Preise hoch. Auch geldlose Zahlungssysteme, wie zum Beispiel Tauschringe, funktionieren so, dass Sie Leistungen erbringen und dafür von anderen Mitgliedern des Tauschrings andere Leistungen erhalten können. Doch selbst die Einheiten, mit denen Tauschringe ihre Leistungen verrechnen, brauchen mittelfristige Stabilität, weil keiner heute eine Dienstleistung erbringen wird, wenn er morgen dafür eine Dienstleistung bekommt, die weniger wert ist. Dann entwertet sich der Tauschring in seiner Funktion. Auch und gerade eine geldlose Wirtschaft ist auf Stabilität des Wertmaßstabs angewiesen. Ein wichtiges Instrument zur Steuerung des Geldwertes ist der Zins. Gesell und andere Theoretiker meinen, dass gerade die Verzinsung des Geldes auch für die Instabilität des Geldverkehrs verantwortlich ist. Hinter dem Zinssatz steckt ein ganz normales soziales und psychologisches Phänomen. Der Konsum von Gegenwartsgütern wird von den Menschen höher eingeschätzt als der Konsum von Zukunftsgütern. Der Zins erklärt sich aus dem Verzicht auf den sofortigen Konsum gegen einen möglichen Gewinn in der Zukunft. Wenn jemand auf etwas verzichtet, möchte er etwas dafür haben. Von der Seite dessen, der das Geld nimmt, rechtfertigt sich das auch. Er hat Zeit gewonnen, um dieses Geld so einzusetzen, dass der Ertrag die Verzinsung übertrifft, das nennt man Produktivität des Geldes oder vielmehr des Geldeinsatzes. Sonst würde kein Mensch einen Kredit aufnehmen. Tatsächlich kann man sich aber auch maßlos für Gegenwartsgüter verschulden oder Geld verleihen, ohne wirklich Verzicht zu üben. Wenn Sie glauben, Sie könnten heute die Geld- und Kapitalflüsse noch kontrollieren, dann sind Sie fürchterlich auf dem Holzweg. Es gibt für mich zwei wunderbare Zitate, die den Spielraum, den Sie mit Ihrer Frage eröffnen, kennzeichnen. Tolstoi sah im Geld eine neue Form der Sklaverei. Dostojewski hingegen bezeichnete Geld als geprägte Freiheit. Geld bringt natürlich auch Bindungen, Zwänge, psychologische Begrenzungen und so weiter mit sich. Aber in seiner Möglichkeit, das Handeln über Zeiträume hinweg zu gestalten, ist das Geld ein enormes Element der Freiheit. Stabiles Geld ist ein Gestaltungsmittel für die eigene Lebensplanung und Lebensgestaltung. Für die Deutschen nach dem Krieg war es ein unglaubliches Erlebnis, dass sie trotz der Belastungen der Vergangenheit in Italien und in Spanien herzlich akzeptiert waren, weil sie mit einem stabilen Geld, nämlich mit der D-Mark, bezahlen konnten. Es war aus meiner Sicht eine der größten Leistungen der europäischen Entwicklung im vergangenen Jahrhundert, dass es gelang, den Teufelskreis aus Geldentwertung, sozialen und politischen Katastrophen, beruhend auf dem Verlust der Sicherheitsfunktion, die ein stabiles Geld für die Bürger hat, zu unterbrechen und im Jahr 1948 ein neues, anständiges, stabiles Geld zu schaffen: die D-Mark. So wächst Geld in eine Funktion hinein, die ein Gefühl der Sicherheit und auch der Anerkennung vermittelt und letztlich weit über das Ökonomische hinausgeht. In den modernen Nationalstaaten ist das Geld eine staatliche Veranstaltung und damit verbunden mit der Nation, dem Nationalgefühl, mit dem Selbstverständnis der Staatsbürger und mit so etwas wie Heimat. Darin liegt ein Teil der Ablehnung begründet, auf die der Euro gegenwärtig trifft. Aus dem Sicherheits- und dem Vertrautheitsgefühl, aus der Garantiefunktion des Geldes heraus, hat sich zum Beispiel eine emotionale Bindung der Deutschen zur D-Mark entwickelt, die sich nicht automatisch auf eine neue Währung überträgt und die eine neue Währung sich erst noch verdienen muss. Der Euro ist eine supranationale Währung, und es gibt noch keine fest gefügte europäische Identität, jedenfalls ist sie im Augenblick noch schwächer als die nationalen Identitäten. Über seine Zweckfunktionen hinaus ist Geld heute auch selbst eine Handelsware. Über 90 Prozent der Transaktionen an den internationalen Finanzmärkten dienen nicht dem Austausch realer Güter, sondern werden aus rein spekulativen Zwecken getätigt. Was sind spekulative Zwecke? Wenn jemand eine solide und wachstumsträchtige Anlage für die Zukunft sucht, beinhaltet der Begriff „wachstumsträchtig“ eine Zukunftserwartung. Diese Zukunftserwartung kann man als spekulativ bezeichnen, weil jemand auf einen Wertzuwachs in der Zukunft setzt. Man kann aber auch sagen, dass es eine elementare Möglichkeit der Sicherung der eigenen Lebensverhältnisse ist, auf etwas setzen zu können, was einem die Zukunft nicht kaputtmacht, sondern die Zukunft eröffnet. Sie sprechen vom Vertrauen in die Zukunft als einem Vertrauen in Geld. Musil sagte einmal, dass wer auf Geld setzt, auf die Verlässlichkeit der Geldgier der Menschen setzt. Insofern setzt, wer auf Geld setzt, auf die schlechten Fähigkeiten des Menschen. Ich halte das für eine außerordentlich provokante Formulierung. Hinter dem Vertrauen in Geld steht ein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit. Geld ist dafür in gewisser Weise die überlegene Form. Alles andere wandelt sich, wird verändert. Erst mit stabilem Geld entsteht eine Wirtschaft, die sich gesund und ruhig entwickelt und in der die Menschen bereit sind, in ihre Bildung zu investieren, in ihre Kinder und in längerfristig orientierte Zukunftswerte. Das sind tiefe und sehr positiv einzuschätzende Motive, und die sind nur realisierbar mit einem stabilen Geld. Ich weiß natürlich, dass es auch Motive gibt, die vielleicht weniger ehrbar erscheinen wie extreme Geldgier, Spielsucht, Streben nach schnellstmöglichem Gewinn und so weiter. Sie können mit einer Axt Bäume fällen, Häuser bauen und eine Gesellschaft gestalten, Sie können mit ihr aber auch Ihrem Nachbarn den Kopf einschlagen. Es ist nicht so sehr das Instrument selbst, was zu verurteilen ist, dieses kann positiv genutzt werden und negativ, wie fast alles in der Welt. So können Sie Geld zum Beispiel auf zweierlei Art und Weise vermehren. Sie können es vermehren, indem Sie Vertrauen enttäuschen, zum Beispiel indem Sie mehr Geld drucken als Güter und Dienstleistungen angeboten werden. Dann erzeugen Sie eine Inflation. Wenn die Inflation stark genug wird, wird das Geld von den Bürgern zurückgewiesen. Diese Form, mehr Geld zu schaffen, führt in die Katastrophe. Die zweite Form, Geld zu vermehren, ist eine sorgsame, durch den Staat und die Zentralbanken gesteuerte Vermehrung, die sich im Gleichklang vollzieht mit der Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen. Wenn das eingehalten wird, behält die Geldeinheit ihre Kaufkraft und ihren Wert. Die Geldvermehrung ist dann eine, ich sage mal, gesunde Sache, die den Vertrauenscharakter des Geldes erhält und damit auch dessen Funktionsfähigkeit. Was ist denn das Besondere des Geldes, das es von anderen Einheiten wie zum Beispiel Gold oder Zigaretten unterscheidet? In Gesellschaften, in denen ökonomische Transaktionen zwischen den Menschen nur eine relativ geringe Rolle spielen, in denen zum Beispiel die so genannte Subsistenzwirtschaft vorherrscht, das heißt die Selbstversorgung auf dem eigenen Stück Land, können Sie die komischsten Dinge als Geld benutzen, weil in diesen Gesellschaften das Geld nur eine Randrolle spielt. In unserer heutigen arbeitsteiligen Wirtschaft, in der der normale Bürger seine Arbeitskraft einsetzt, um sich tausende von Gütern und Dienstleistungen dafür zu erwerben und sein Leben frei zu gestalten, spielt das Geld eine wesentlich größere Rolle. Da der Selbstversorgungsgrad auf heute nur noch ungefähr fünf Prozent zurückgegangen ist, sind die Menschen gezwungen, über das Medium Geld ihre Bedarfsbefriedigung zu erzielen, weil nur das Geld in der Lage ist, ihnen die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen und die Sicherung der Zukunft in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft zu gewährleisten. Somit fallen diese Hilfsinstrumente, von denen wir vorhin gesprochen haben, von den Goldmünzen bis zu den Zigaretten, aus vielen Gründen aus, oft schon aus Praktikabilitätsgründen. Dass Sie in einem Hotel auch mit Miles&more-Guthaben bezahlen können zeigt, dass Sie als Geld alles verwenden können, was die Menschen als Bezahlung akzeptieren, ohne dass der Staat dies selbst regelt. Insofern ist Geld das, was Menschen als Geld benutzen. Sie können sich natürlich auch darüber unterhalten, ob Internet-Geld wirklich Geld ist. Sie können sich lange darüber streiten, ob Kreditkarten Geld beinhalten, weil sie eine Zusage der Nutzung von Kaufkraft auf Zeit bedeuten, oder ob Ansprüche in Tauschringen Geld sind. Das macht zum Beispiel den Zentralbanken zu schaffen, die ja im Sinne ihrer Geldpolitik Geld definieren müssen. Mein Kollege Bethmann zum Beispiel sagt, dass alle Ansprüche, die aus kaufmännischen Transaktionen entstehen, Geld sind. Wenn ich Ihnen ein Gut verkaufe und Sie sagen, Sie zahlen in vier Wochen, wäre das also Stabiles Geld ist ein Gestaltungsmittel für die eigene Lebensplanung und Lebensgestaltung. Geld, weil Sie einen Anspruch auf die Übertragung von Kaufkraft gegen mich haben. Aber für den Bürger haben diese Spielereien keine Relevanz. Für den Bürger ist die Vertrautheit mit dem Maßstab wichtig. Die Größenordnung D-Mark ist genauso wie der Meter oder das Kilogramm ein Erfahrungswert des täglichen Lebens. Damit wird eine solche Größe automatisch verstanden und für die täglichen Dispositionen genutzt. Wenn Sie sich an einen neuen Maßstab gewöhnen müssen, kann es passieren, dass Sie im Geschäft meinen, billig einzukaufen, und dabei vergessen, dass auch Ihre Gutschrift auf dem Gehaltskonto in dem neuen Geld anders aussieht. Es ist für mich faszinierend, dass in Frankreich, als ein einfacher Maßstabwechsel stattfand, als man nämlich zwei Nullen bei den Francs gestrichen hatte, die Menschen in den ländlichen Regionen noch Jahrzehnte später mit den alten Francs gerechnet haben, weil das ihr gewohnter Maßstab war. Schon das Wegstreichen von zwei Nullen hat ihnen Probleme gemacht. Eine Vertreterin der US-Regierung beim Internationalen Währungsfonds sagte einmal, dass die Währungshüter in den Zentralbanken „Magier“ seien und dass sie, wie alle Magier, ihre Tricks nicht preisgeben wollen. Was verschweigen Sie uns? Zentralbanker sind Fachleute, die ihre Arbeit tun. Sie müssen bestimmte Fähigkeiten haben, gewisse Dinge beherrschen, gewisse Aufgaben erledigen. Aber das, was sie tun, müssen sie auch in der Öffentlichkeit vermitteln können. Es kommt nicht von ungefähr, dass der zentrale Punkt der Diskussion über die Europäische Zentralbank die Transparenz der Entscheidungen ist. Und Transparenz ist das Gegenteil von Magie. Es ist der Versuch, ganz genau zu vermitteln, wie sichergestellt wird, dass wir Geldwertstabilität haben und dass diese auch in der Zukunft gewährleistet ist. Sie gehen jeden Tag mit Milliardenbeträgen um. Wie wirkt sich das auf Ihr privates Verhältnis zum Geld aus? Das trenne ich völlig. Meine berufliche Tätigkeit hat nichts damit zu tun, was ich meiner Frau als Haushaltsgeld mitbringe oder was ich in der Hosentasche mit mir herumtrage. Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich verstehe auch nicht genau, was eine Milliarde Mark ausmacht. Ich erinnere mich, wie ich vor längerer Zeit langsam, aber sicher lernen musste, von der Million als normaler Recheneinheit auf die Milliarde überzugehen. Das zeigt einerseits, wie sehr sich unser Wohlstand vermehrt hat. Es zeigt aber auch, dass wir von der Inflation nicht unberührt geblieben sind. Die Mark hat heute nur noch knapp ein Viertel ihrer ursprünglichen Kaufkraft. Dafür rechnet sich unsere Staatsverschuldung mittlerweile in Billionen. Beim Umgang mit diesen Zahlen verliert man durchaus ein wenig das konkrete Verständnis für die Realität. Herr Schieber, wir danken Ihnen für das Gespräch. Das Interview führten Frank Augustin, Udo Grün und Siegfried Reusch.

So entsteht neues Geld: Neues, das heißt zusätzliches Geld, entsteht vor allem durch die Vergabe von Darlehen durch Geschäftsbanken. Die Gesamtsumme der Kredite, die eine Bank vergibt, kann ein gewisses Verhältnis zur Summe aus „Einlagen“ und Eigenkapital der jeweiligen Bank nicht überschreiten (unter anderem wegen der Mindestreserve: für unser Beispiel zehn Prozent). Gesetzt den Fall, eine Bank kann auf Grund einer verfügbaren Summe von 100 Millionen Euro Darlehen über insgesamt 90 Millionen vergeben, dann werden diese in das Bankensystem zurückfließen, weil die Kreditnehmer, zum Beispiel Firmen oder „Häuslebauer“, die gewährten Kredite nutzen, um damit ihre Rechnungen zu begleichen (zehn Millionen Euro müssen als Mindestreserve einbehalten werden). Durch die Einzahlungen dieser Beträge seitens der Empfänger in das Bankensystem wird dieses wiederum in die Lage versetzt, weitere Darlehen über 81 Millionen zu vergeben – zehn Prozent von 90 Millionen bleiben in unserem Beispiel wieder als Mindestreserve zurück – und so weiter. Auf diese Weise können auf dem Weg durch das Bankensystem aus ursprünglich 100 Millionen Euro bis zu 900 Millionen Euro als „Kreditgeld“ entstehen. Dieser Prozess der Geldvermehrung (Geldschöpfung) wird von der Zentralbank – in Wahrnehmung ihrer Aufgabe, die Währung stabil zu halten – in Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung gesteuert (Geldmengenziel). Dies kann zum Beispiel geschehen durch die Regulierung des Zinssatzes, zu dem sich Geschäftsbanken Geld zur Kreditvergabe bei der Zentralbank leihen. Eine andere Möglichkeit ist die Veränderung der Mindestreserve; eine entsprechende Erhöhung führt zu einer Verknappung der Geldmenge. Geld kann auch dadurch geschaffen werden, dass Banken Kreditnehmern den Gegenwert entsprechender Vermögenswerte (Immobilien, Aktien, Kunstwerk…) als Darlehen zur Verfügung stellen.

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